Es ist schon etwas her, aber diesen schönen Bericht vom Artrock Festival in Reichenbach wollte ich euch gerne posten.
Bericht von Udo Eckhardt erschienen bei Stone Prog
Kompletter Bericht mit Fotos unter:
https://stone-prog.de/2026/05/05/livere ... tag-11-04/
Nähern wir uns dem Höhepunkt des Abends – ach was sage ich, eigentlich einem der Höhepunkte in der gesamten Historie des Artrock Festivals. Und das muss nicht immer der Headliner des Tages sein. Die deutsche Band Grobschnitt beendete nach mehreren Auflösungen, Pausen und Reinkarnationen ihre Karriere eigentlich 2012 mit der „Next Party“-Tour. Doch ihr musikalisches Erbe aus den 70er-Jahren ließ die Beteiligten nie ganz los. Heute sind wieder drei ehemalige Mitglieder als Akustik-Trio unterwegs und verfügen zudem über die Namensrechte. Gleichzeitig blieb jedoch der Wunsch bestehen, das klassische Repertoire auch wieder elektrisch und in voller Bandbesetzung auf die Bühne zu bringen.
Schließlich fanden sich mehrere Musiker der letzten Grobschnitt-Phase wieder zusammen, ergänzt um neue Mitstreiter, und stellten fest, dass die gemeinsame Chemie nach wie vor stimmte. Hinzu kam der persönliche Bezug zum Material: Teile der Besetzung hatten an den Kompositionen selbst mitgewirkt und wollten diese Musik nicht als bloßes Coverprojekt, sondern als lebendige Weiterführung präsentieren. Der Anspruch war bewusst, vergangene Zeiten nicht zu kopieren, sondern die Stücke mit neuer Besetzung und frischen Arrangements wieder zu beleben.
So nannte man sich kurzerhand Rockpommel’s Band – eine augenzwinkernde Anspielung auf das Kultalbum Rockpommel’s Land, die in der Fangemeinde sofort verstanden wurde und zugleich deutlich macht, dass es sich um ein eigenständiges Projekt handelt. Bereits die Premiere am 3. und 4. Oktober 2025 in Hagen-Hohenlimburg war ein voller Erfolg. Nach weiteren Auftritten in Menden und beim Rockfestival in Paderborn spielten die Musiker – wie Milla Kapolke ausdrücklich betonte – nun erstmals in Sachsen. Insgesamt acht Musiker standen auf der Bühne: Neben Milla Kapolke und Rolf „Admiral Top Sahne“ Möller stand auch Grobschnitt-Urgestein Toni Moff Mollo auf der Bühne. Seit 1972 dabei, zwar seitdem nicht mehr gewachsen, aber dennoch groß – vor allem stimmlich, wie sich einmal mehr feststellen ließ.
Ergänzt wurde die Besetzung durch Manu Kapolke, Deva Tattva und Demian Hache aus der Phase 2007–2012 sowie Gitarrist Kevin Hollmann, bekannt von der Grobschnitt-Coverband Nebelreise.
In vorderster Front schließlich der fantastische neue Sänger Armin Krull, ein Urgestein der Hagener Musikszene und früher unter anderem bei Marrakesh Express aktiv. Der Band wurde eigens eine Spielzeit von zweieinhalb Stunden eingeräumt, um die epischen Kompositionen in angemessener Länge präsentieren zu können. Im Mittelpunkt stand dabei natürlich der Namensgeber: das 1978 erschienene Album Rockpommel’s Land, das vollständig und mit 45 Minuten Spielzeit aufgeführt wurde. Begleitet wurde die Suite von stimmungsvollen visuellen Projektionen, die die Geschichte lebendig werden ließen – vom Tanz der Stone Men bis hin zum bunten Vogel Maraboo, der klein Ernie auf seiner Reise begleitet und damit auch optisch den klassischen Grobschnitt-Kosmos wieder auferstehen ließ. Auch die beiden 80er-Jahre-Stücke Vater Schmidt’s Wandertag und Könige der Welt wurden vom damals typischen, etwas sterilen Plastiksound ihrer Entstehungszeit regelrecht befreit und in ein deutlich wärmeres, organischeres Klangbild überführt. Gerade bei Letzterem wurde es zudem inhaltlich nachdenklich: Milla Kapolke erinnerte daran, dass man seinerzeit Texte geschrieben habe, mit denen man glaubte, die Welt ein Stück verbessern zu können – leider sei man heute von einer besseren Welt eher weiter entfernt als damals.
Ein kurzer Blick auf die Uhr – oh, schon kurz nach neun. „Wir spielen jetzt noch ein Lied“ – womit eigentlich jeder im Saal wusste, was nun folgen würde: das Signaturstück der Band, Solar Music in der „Sonnentanz“-Version. Musikalisch das Überstück im Grobschnitt-Kosmos, dessen Wirkung sich kaum in Worte fassen lässt. Atmosphäre, Gänsehaut, Freudentränen – hier kommt alles zusammen, was diese Musik seit Jahrzehnten so besonders macht.
Und da im Neuberinhaus traditionell gefühlt die halbe Feuerwehr-Hundertschaft von Reichenbach bereitsteht, durfte auch ordentlich mit Pyrotechnik gezündelt werden – und nicht nur mit ein paar Funken aus der Flex, wie man es anderswo ersatzweise macht, weil man es anders nicht mehr darf. Flammen, Effekte und skurrile Gestalten unterstrichen den epischen Charakter der Komposition zusätzlich.
Als ob das noch nicht gereicht hätte, lief auch der Hazer permanent auf vollen Touren. Viel, viel Nebel und tiefblaues LED-Licht mögen zwar auf der Bühne spektakulär aussehen, sind allerdings nicht unbedingt der Freund von Fotografen und Videofilmern. Zahlreiche Details der überaus sehenswerten Show verschwanden dadurch in einer dichten Waschküche, und was das Auge vor Ort noch erahnen konnte, löste sich auf Bildern und Videos nur noch als geisterhafte Silhouette in einem Meer aus dicker blauer Tinte auf.
Das Publikum zeigte sich nach diesem knapp 48-minütigen Spektakel restlos begeistert. Spätestens mit den letzten, langsam verklingenden Passagen von Solar Conclusion verwandelte sich der Saal in eine einzige jubelnde Menge. Minutenlange Standing Ovations waren die logische Folge – nicht nur höflicher Applaus, sondern echte Begeisterung für eine Show, die viele so wohl nicht mehr erwartet hatten.
Zeit für eine lautstark geforderte Zugabe war am Ende dann doch noch. Mit Mary Green vom Album Illegal – damals noch wörtlich zu nehmen, mittlerweile legal, den meisten jedoch… nun ja, eher sch ..egal – setzte die Band einen augenzwinkernden Schlusspunkt. „Mary“ erschien standesgemäß mit einer überdimensionierten Tüte und sorgte damit nicht nur für Heiterkeit, sondern blies gleich noch zusätzliche Nebelschwaden über die ohnehin bereits großzügig vernebelte Bühne.
Die Musiker selbst wirkten sichtlich begeistert von dem, was sie in den vorangegangenen zweieinhalb Stunden angerichtet hatten, und verabschiedeten sich vom Publikum, nicht ohne zuvor noch die nächsten Stationen bekannt zu geben: Zoetermeer, Burg Herzberg, Aschaffenburg – irgendwo dort werde man sich sicher wiedersehen. Nach diesem Auftritt dürfte daran kaum jemand im Saal gezweifelt haben